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News: Die ersten 10: Folge 9 - Wir reden

Montag, 10.09.2018

Zehn Jahre – bei Kindern ein Alter, in dem bald die Pubertät einsetzt. Ihr als Bildbeschaffer scheint mit zehn Jahren dagegen längst erwachsen zu sein …

Alexander Karst: Wir arbeiten ja auch seit mittlerweile 20 Jahren zusammen. Kennengerlernt haben Michaela und ich uns schon 1998 bei PhotoDisc. Das war die erste lizenzfreie Bildagentur, die komplett digital gearbeitet hat und schließlich von Getty gekauft wurde. Nach der Zeit bei PhotoDisc und Getty haben wir weitere Stationen bei Bildagenturen gemeinsam durchlaufen, bis wir schließlich 2008 die Bildbeschaffer gegründet haben.

Wie seid ihr damals auf den Namen gekommen?

AK: Wir wollten uns von den klassischen Bildagenturen abgrenzen. Und der Name Bildbeschaffer sagt klar aus, was wir machen.

Michaela Koch: Genau: Wir beschaffen Bilder. Wenn man es genau nimmt, müssten wir uns heute, zehn Jahre später, noch einmal umbenennen, weil wir unsere Dienstleistungen stark erweitert haben. Wir beschaffen ja nicht mehr nur Bilder, sondern sortieren sie, archivieren sie, klären Bildrechtefragen, geben Seminare.

AK: Stimmt, eigentlich müssten wir uns auch die Filmbeschaffer, die Bildverschlagworter, die Bildrechteklärer nennen – oder auch einfach die Bildkümmerer. Zunächst haben wir aber damit losgelegt und für unsere Kunden schlichtweg Bilder beschafft. Und weil wir eher die Macher sind, die Organisatoren, die Handwerker, musste ein konkreter Name her.

Als der Name gefunden war, ging es zunächst los mit einer viralen Guerilla-Marketing-Aktion.

AK: Genau. Wir wollten unser Vorhaben mit einer Geschichte transportieren. Also haben wir eine Aktion gestartet mit dem Slogan: Wir wissen, wo ihre Bilder sind! Zusammen mit zwei Kreativen sind wir auf das Motiv des Kidnappings gekommen. Daraus haben wir Geschichten entwickelt, in denen wir Bilder klauen, obgleich Bilderklau natürlich nichts mit unserer Arbeit zu tun hat. Eine Freundin von uns, Tina, war damals mit von der Partie. Sie war Cutterin und mit Annamaria, einer weiteren Freundin hinter der Kamera haben wir ein paar Filme gedreht. Abendelang saßen wir hier und haben aus bunten Zeitungen Buchstaben ausgeschnitten und 400 „Erpresserbriefe" mit den Worten „Wir wissen wo Ihre Bilder sind" losgeschickt.

Worüber nicht alle Empfänger gleichermaßen erfreut waren …

MK: Oh ja! Am nächsten Tag saßen wir erwartungsfroh an unseren Telefonen. Irgendwann klingelte es tatsächlich und ich hatte einen Security-Menschen von einer Versicherung am Apparat. Er fand die Aktion überhaupt nicht lustig, fragte uns, wer wir seien und was das eigentlich solle. Irgendwann klärte er seinen Unmut auf: Unser Erpresserbrief mit den aufgeklebten Buchstaben erreichte das Versicherungsunternehmen nämlich genau dann, als es dort gerade eine Fotoausstellung im Foyer gab. „Wir wissen wo ihre Bilder sind" – da lag der Verdacht auf Bilderklau nahe. Im Internet haben sie nachgeforscht, zu wem die URL gehört, die mit im Brief angeführt war, und prompt bei uns angerufen. Heute können wir natürlich darüber lachen.

Sie sind also keine Kunden für euch geworden?

MK: Doch. Wir haben tatsächlich mal etwas für sie gemacht. Aber sie waren mit Sicherheit nicht die Kunden der ersten Stunde.

Gibt es denn Kunden der ersten Stunde, die euch bis heute die Treue gehalten haben?

AK: Grundsätzlich ja. Wir arbeiten beispielsweise schon seit 2002 für Hapag Lloyd Kreuzfahrten – das ist bis heute so geblieben. Die Kunden, die von Anfang an bei uns waren, sind es tatsächlich oft bis heute. Und das, obwohl es damals alles andere als einfach war, Fuß zu fassen. Drei Wochen, bevor wir uns selbstständig gemacht haben, waren die Lehman Brothers pleite gegangen. Die gesamte Branche war in eine Art Schockstarre gefallen. Mitten in der Wirtschaftskrise fragte man sich: Wie kann man statt 400 Euro zu zahlen nur noch 4 Euro für ein Bild ausgeben? Aber ja, viele von ihnen sind uns bis heute treu.

Wie dürfen wir uns das überhaupt vorstellen: Habt ihr eher langfristig angelegte Großaufträge oder vielmehr Einzelfallfragen zu Themen wie Bildrecherche oder auch Bildrecht?

MK: Das gibt es beides. Unsere zentralen Kunden vertrauen uns alle Themen rund um Stock-Bilder an und wir wickeln dann jeweils einzelne Projekte mit zum Teil auch nur einem Bild ab. Dann gibt es die Pool-Recherchen, bei denen wir einen Gesamtauftrag im Paket umsetzen und hundert oder tausend Bilder finden und lizenzieren. Und es gibt Menschen, die uns im Internet finden, eine Frage stellen und dann wieder weg sind.

AK: Ja, und dann gibt es auch noch Artbuyerinnen, die bei uns die letzten zwei Prozent an Informationen einholen, die ihnen noch fehlen. Da kommen dann so Fragen wie: Kennt ihr diese oder jene Agentur? Habt ihr Erfahrungen mit Unsplash sammeln können? Wir geben daraufhin eine fundierte Einschätzung, ohne dass wir rechtssichere Auskunft geben müssen. Dieses Vier-Augen-Prinzip nennen wir Schulterblick.

Apropos rechtssichere Auskunft: Wann melden sich Menschen bei euch und wann kontaktieren sie eher einen Rechtsanwalt?

AK: Bei uns bekommt man die Einschätzung, wie man in der Praxis mit einem bestimmten Problem umgehen kann. Wer schon eine Abmahnung auf dem Tisch liegen hat, ruft natürlich sinnigerweise den Rechtsanwalt an. Er muss ja auf die Abmahnung und die Unterlassungserklärung antworten.

MK: Grundsätzlich dürfen und können wir keine Rechtsberatung anbieten. Für unsere Kunden aber sind wir zumeist die erste Anlaufstelle; sie bekommen von uns eine Einschätzung und auch den Rat: Wer einen Fall oder eine Frage rechtssicher geklärt haben will, sollte sich an einen Juristen wenden. Einen Fall akribisch rechtssicher aufzuarbeiten ist aber natürlich auch mit einem ganz anderen Honorar verbunden.

AK: Wir beraten auch gern im Vorfeld. Da gibt es beispielsweise Kunden, die mit der Frage auf uns zukommen, ob sie eine bestimmte Kampagne problemlos umsetzen können. Da geht es dann um Fragestellungen wie die der Panoramafreiheit. Derartige Einschätzungen können wir geben. Und wir arbeiten auch mit Anwälten zusammen, sodass wir Anfragen im Zweifel weitergeben können.

Ihr arbeitet ja nun schon seit 20 Jahren im Duett. Hat sich bei den Bildbeschaffern schnell herauskristallisiert, wer von euch welche Aufgabenfelder übernimmt?

MK: Ja, immer schon! Wir sind komplett unterschiedliche Menschen, sodass sich die Aufgabenfelder für uns schon vor unserer Zeit als Bildbeschaffer automatisch ergeben haben. Organisation und Kundenservice waren schon immer meine Steckenpferde. Aber mit Technik, Werbung, Presse oder auch den Seminaren habe ich wenig am Hut.

AK: Ich dagegen habe immer schon gern Web- und PR-Management gemacht. Unsere Bereiche lassen sich herrlich voneinander abgrenzen, sodass wir nie Überschneidungen hatten. Und trotzdem: Wenn die eine im Urlaub ist, kann der andere einspringen. Dazu kommt, dass nicht einer von sechs Uhr morgens bis um Mitternacht schuften muss, da wir uns gegenseitig austauschen. In einer Hinsicht aber sind wir gleich gestrickt: Wir gehen mit unseren Kunden so um, wie wir uns wünschen, dass man auch mit uns umgeht.

Hat sich in den letzten zehn Jahren denn viel in der Arbeitsweise verändert?

MK: Es ist natürlich alles viel digitaler geworden: allein schon die Buchhaltung oder die Arbeitsabläufe für die Lizenzierungen. Vor zehn Jahren war Word noch ein verlässlicher Partner. Heute passiert vieles arbeitsersparend auf Knopfdruck. Mittlerweile sind wir ja auch ein viel größeres Team, sodass ein bisschen mehr Zeit für das Administrative oder auch das Strategische bleibt, ein bisschen mehr Zeit zum Denken.

AK: Wir haben mittlerweile ja auch viel mehr Aufgabenbereiche. Und anders als zu Beginn gibt es insgesamt weniger Bildagenturen, mit denen wir zusammenarbeiten, dafür mehr Fotografen, auch innerhalb der Agenturen. Was haben wir in den letzten zehn Jahren nicht alles in der digitalen Entwicklung erlebt… Schon zu PhotoDisc-Zeiten haben wir vorgegriffen auf das Digitale – zu einer Zeit, in der viele Bildagenturen in Deutschland noch dabei waren, Dias einzuscannen und zu schauen, was passiert. Wir hatten auch von Anfang an eine „fully e-commerced and searchable Website". Der große Knall kam im Grunde mit den Fotolias und iStocks, die angefangen haben, aus Open-Source-Datenbankprojekten neue Bilddatenbanken zu entwickeln. Da haben dann auch viele Hobbyfotografen eine Plattform gefunden, die zuvor bei Getty, Mauritius, Corbis und Co. nicht ankommen konnten. Daraus haben sich regelrechte Verkaufsmaschinen entwickelt. Das hat den großen Boost gegeben: Plötzlich konntest du auf sehr viel mehr Fotografen zugreifen. Das war der Zeitraum zwischen 2002 und 2005.

MK: Der digitale Wandel war wirklich spannend. Zu meiner Zeit bei Getty war ich noch damit betreut, das eine oder andere Archiv aufzulösen. Es ist bis heute beeindruckend, wenn ich darüber nachdenke, wie viele Regale und Kartons das waren. Ich erinnere mich auch noch gut an die Zeit, in der wir mit PhotoDisc mit CDs auf Messen standen und die Besucher irritiert darüber waren, dass auf so eine Scheibe tatsächlich ganze 300 Bilder passten. Das war schwer greifbar.

Sind Bildrechtefragen im Laufe der Jahre komplizierter geworden?

AK: Es war schon vorher kompliziert. Aber es tauchten nun andere Fragen auf – und auch Arbeitsweisen, die die Bildagenturen selbst erst lernen mussten. Was ist das Urheberrecht? Wie funktionieren Lizenzen? Für wen verkaufe ich meine Bilder überhaupt? Sollte ich ein Bild wirklich für 3 Euro an einen riesigen Nahrungsmittelkonzern verkaufen oder sollte ich dann doch wenigstens 40 Euro verlangen? Den Prozess haben wir begleitet.

Springen wir ins Jahr 2018. Vor wenigen Monaten trat die neue DSGVO in Kraft. Klingelt bei euch seitdem vermehrt das Telefon?

MK: Eigentlich nicht. Die professionellen Bildnutzer kommen bei uns ja aus der Werbung, aus dem Marketing. Deren Bildquellen sind professionelle Bildagenturen. Und bei vorgefertigten Stockbildern stellt sich die Frage nach der DSGVO ja nicht. In unserer täglichen Arbeit haben wir mehr damit zu tun, den Überblick über den Markt zu behalten oder unseren Kunden Hilfestellungen und Wissen zu vermitteln: Was ist eine Einplatzlizenz? Was ist lizenzfrei im Verhältnis zu den Microstockbildern? Bei Einzelfallfragen von Fotografen oder in Alex' Seminaren taucht das Thema schon eher auf.

Apropos Anfragen: Was war die skurrilste Bildanfrage, seit es die Bildbeschaffer gibt?

AK: „Jemand wacht auf und schlägt müde mit einem Baseballschläger seinen Wecker kaputt. Wo finde ich das Bild?" Ganz im Ernst, die Anfrage hat es gegeben. Besonders spannend waren auch die Satellitenbilder, die wir direkt aus dem Satelliten besorgt haben. Und auch über die Einzelbildanfrage hinaus gab es skurrile Fälle. Ich erinnere mich noch, wie eine Bildredaktion während eines Seminars mit einem Problem auf mich zukam, da sie plötzlich alle Bilder rechtssicher besorgen sollten, ohne dass mehr Budget zur Verfügung stand. Da musste ich plötzlich Mediator spielen und versuchen, den Interessenausgleich zwischen den beiden Abteilungen zu schaffen. Und dann gab es den Fall, dass jemand für nur 500 Bilder eine Bilddatenbank anlegen wollte … Wer 500 Bilder hat, der braucht natürlich keine Datenbank, die 600 Euro im Monat kostet.

In Gesprächen mit langjährigen Kundinnen und Kunden von euch wird immer wieder eure Herzlichkeit angesprochen. Egal wie stressig es bei euch läuft: Ihr habt immer ein freundliches Wort übrig. Ist es das, was euch am Dasein als Bildbeschaffer besonders am Herzen liegt?

MK: Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Alex hat es ja schon erwähnt: Wir möchten die Menschen so behandeln, wie auch wir behandelt werden möchten. Als Geschäftsführer führen wir die Bildbeschaffer so, wie wir es für richtig halten. Schließlich möchte ich mich jeden Morgen im Spiegel ansehen können und denken: Ja, es ist richtig, was wir machen, und noch dazu macht es Spaß.

AK: Ich habe grundsätzlich weder Lust dazu, Menschen über den Tisch zu ziehen noch lasse ich mich gern über den Tisch ziehen. Mir ist es auch wichtig, dass wir uns jedes Projekt immer wieder neu ansehen. Es gibt Verkäufer, die versuchen, von der Stange ihre Produkte zu verkaufen. Wir aber sind keine Verkäufer. Wir schauen lieber nach, ob noch alles passt und drehen lieber mal hier und da an einer Stellschraube oder suchen nach Alternativen.

MK: Dass wir da versuchen, flexibel zu bleiben, zeigt ja auch unsere Entwicklung: Durch die vielen Veränderungen am Markt haben wir heute ja mehrere Säulen, die uns ausmachen. Sonst gäbe es uns vielleicht auch gar nicht mehr. Das ist es auch, was uns beide ausmacht: dass wir schauen, was kommt und uns gern weiterentwickeln.

AK: Und wir wissen auch, ab wann wir einen Job nicht selber übernehmen, sondern an gute Partner vermitteln. Uns ist es wichtig, dass wir für den Kunden bereitstehen. Er soll jede Frage stellen dürfen.

Bei Kindern, die zehn Jahre alt werden, fragt man gern, was sie mal machen wollen, wenn sie groß sind. Ihr seid schon groß. Trotzdem: Wohin geht es? Wo seht ihr euch in zehn Jahren?

AK: Auf jeden Fall weiterhin nah am Kunden. Egal, was bis dahin passiert. Wir beobachten ja intensiv, wohin sich das Digitale bewegt, bekommen Entwicklungen wie beispielsweise bei EyeEm aus erster Hand mit, beobachten auch den Wandel der Medienkanäle. Sagen wir es so: Wir sind nicht diejenigen, die sagen können, was nach Instagram kommt. Wir schauen aber, dass die Kunden vernünftige Lizenzen haben, wenn sie Bilder auf Instagram posten wollen. Unser Ziel ist es, die Augen offen zu halten, Entwicklungen zu beobachten, die Kunden dahin zu begleiten, wo es hingeht, …

MK: … und weiterhin die zu bleiben, die wir sind. Wir arbeiten in einer der schönsten Städte, wir haben besondere Menschen als Kollegen, wir mögen unsere Kunden. Noch dazu haben wir einen Job, der Spaß macht und uns sehr viele Freiheiten lässt. Man kommt jeden Morgen ins Büro und freut sich. Das ist schon privilegiert.

AK: Definitiv. Insbesondere in unserem Markt, in dem sich die Landschaft und die Bedingungen für Fotografen und Bildagenturen nicht unbedingt zu deren Gunsten entwickeln. Es ist nicht einfacher geworden, sich darin zurechtzufinden. Dass wir das dürfen – den Scout spielen und anderen dabei helfen, sich doch zurechtzufinden –, das ist ein Privileg, für das wir sehr dankbar sind.


Veröffentlicht am Montag, 10.09.2018 19:09
Kategorien: Bildbeschaffer Die ersten 10

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